Diskussion:Bolivien
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Humitas = Humintas (in Bolivien haben die n "n" drin :-) ) MfG
[bearbeiten] Reisebericht
Diese langen Reiseberichte hab ich erst mal rausgenommen. Ob sie aus dem u.g. Buch abgeschrieben wurden, kann ich nicht beurteilen. -- Steffen M. 12:23, 13. Jul 2005 (CEST)
Tour durch ein Meer aus Salz, der Salar de Uyunie, die größte Salzpfanne der Welt
Die Strecke von Oruru nach Uyuni scheint eine der schlechtesten des Landes zu sein, außerdem ist der Bus sehr eng und alt und zu allem Überfluss wird die fehlende Toilette nicht durch zahlreiche Stops kompensiert. Nur zweimal halten wir auf der rund 12 stündigen Fahrt, einmal nachts in einem sehr einfachen Restaurant, wo neben der Toilette auch Mate de Coca und Sandwichs den Aufenthalt lohnend machen, und morgens inmitten der Wüste. Eine Toilette ist hier nicht nötig, die Bolivianer stellen sich einfach neben den Bus und verrichten ihr Geschäft. Ich entferne mich auch nicht viel weiter von unserem Fahrzeug und bin froh keine Frau zu sein. Uyuni selbst wirkt wie eine verlassene Westernstadt, passend dazu säumen nicht mehr benutzte Bahngleise diese trostlose Gegend. Ackerbau ist in dieser kargen Landschaft auf 3670 Metern Höhe praktisch unmöglich, Wasser ist ein sehr seltenes Gut, dazu machen Wind und Kälte den gut 12.000 Einwohnern zu schaffen. „Platz der Lasttiere“ lautet die Übersetzung des Aymarawortes Uyuni, damit deutet es schon darauf hin, warum hier überhaupt so viele Menschen wohnen. Denn was hier von Lasttieren transportiert wird ist die Lebensgrundlage dieser Region und der Grund für ihre Bekanntheit: das Salz ! Deshalb sind auch wir hier, wie wohl alle Touristen, ist doch der Salar de Uyuni mit ca 160 km Länge und 135 km Breite die größte Salzfläche der Erde, mit einer Salzkruste von 2 bis 7 Metern. Dementsprechend auch mein erster Eindruck von Uyuni, die Stadt scheint nur aus Touristikagenturen zu bestehen, die ein oder andere hat Rundtouren im Salar de Uyuni im Programm. Allerdings sind diese in der Vorsaison noch recht schwach gebucht, sodass die Fahrgäste sofort nach dem Aussteigen mit Angeboten nur so überschüttet wurden. Schnell habe ich mich für eine 3 tägige Tour entschieden, zusammen mit den 4 anderen Deutschen und 2 Australiern. Am nächsten Morgen soll es losgehen, die Hotelübernachtung und Frühstück sind inbegriffen im ohnehin schon günstigen Angebot. Vornehmere Häuser und Hotels gibt es hier nicht, auch bei uns läuft nur jeweils eine Stunde am Tag warmes Wasser zum Duschen. Anders sieht es bei den Restaurants aus, diese sind für südamerikanische Verhältnisse eher teuer und zu unserer Überraschung auch sehr voll. Aber interessanterweise sind die wenigsten der auf den Speisekarten aufgeführten Gerichte auch zu haben, diese Karten dienen wohl nur zum Touristenanwerben. Sehenswürdigkeiten hat Uyuni übrigens außer dem kleinen Bahnmuseum nicht zu bieten, umso sehenswerter ist allerdings das Drumherum. Ursprünglich gehörte der Salar zum gewaltigen Anden-Binnenmeer Lago Minchins, das vor Jahrmillionen austrocknete und einige abflußlose Altiplanoseen und – Salare zurücklies, unter anderem auch den Titicacasee. Zwischen Dezember und März wird der Salar durch heftige Regenfälle regelrecht überflutet und kann länger unter Wasser stehen. Dann glänzt das Salarwasser tiefblau und die Salzarbeiter ziehen sich zurück. In der Trockenzeit verdunstet dieses Regenwasser dann aber, und zurück bleibt eine harte Kruste aus Salz. Dieses wird von vermummten Männern mit Äxten als panes de sal (Salzblöcke) aus dem Boden geschlagen und in einer Salzmühle weiterverarbeitet. Zentrum der Salzgewinnung ist Colchani, wo praktisch der ganze Ort von jodiertem Speisesalz lebt. Die Jahresproduktion liegt bei etwa 20.000 Tonnen. Die Hauptgefahr auf dem Salar bilden die sog. Ojos (Augen), blubbernde Salzquellen unterirdischer Wasserläufe, welche die Salzkruste durchbrechen. Zum Glück wurden wir damit nicht konfrontiert. Allerdings liegt der größte materielle Reichtum des Salares noch ungenutzt da -Lithium. Auf 9 Millionen Tonnen werden die Vorkommen des silberweißen Alkalimetals geschätzt, dieses wird vor allem als Legierungszusatz für Batterien und in der Kerntechnik benötigt. Hier wird deutlich warum Bolivien als „Bettler auf dem goldenen Thron“ bezeichnet wird, denn das wären knapp 75% des derzeit bekannten Weltvorkommens. Doch der größte Reichtum des Landes und auch dieser Region ist natürlich die unvergleichliche landschaftliche Schönheit und Vielfalt. Geld bringt auch die ins Land, denn sonst würden viel weniger Touristen kommen. Auch im Salar de Uyuni sind die Massen an Fahrzeugen, welche an den bekanntesten Attraktionen des Salzsees mittlerweile zu finden sind, ein deutliches Zeichen und eine wichtige Einnahmequelle. Colchani ist dann auch unser erster Anlaufpunkt, wir können beobachten wie das Salz auf Lastwagen verladen und abtransportiert wird. Strahlend weiß liegt das schier unendliche Salzmeer vor uns, heller als auf jedem Gletscher glänzt uns die Sonne entgegen. Ungewohnt und sehr amüsant ist es im Salz zu laufen. Dazu gibt es hier noch ein Hotel aus Salz mit Übernachtungsmöglichkeit und ein Salzmuseum. Alle möglichen Kunstgegenstände aus Salz kann man hier erwerben, aber auch den üblichen touristischen Kitsch. Aha, deshalb haben wir hier gehalten. Nun geht es aber endlich in die unendlichen Weiten des Salars hinaus. Wege gibt es hier nicht, allenfalls Reifenspuren, trotzdem findet unser Fahrer problemlos immer den richtigen Weg. Etwa zur Isla Pescado, einer fischförmigen Insel, welche leicht erhöht über dem Salz aufragt und ziemlich bewachsen ist, vor allem mit Kakteen. Diese sind ungefähr 1200 Jahre alt und erreichen eine Höhe von bis zu 12 Metern. Sie bilden den perfekten farblichen Kontrast zur weißen Salzmasse. Über diese bietet der höchste Punkt der Insel, nur 100 über der Oberfläche, aber in über 4000 Metern Höhe gelegen eine geniale Übersicht bis hin zu den weit entfernten schneebedeckten Vulkangipfeln. Übernachtet wird im Pueblo San Juan, völlig abgelegen und in respektabeler Höhe. Einfache Schlafzimmer sind vorhanden, sogar eine, wenn auch recht kalte Duschgelegenheit. Gekocht wird mit dem mitgebrachten Gaskocher, nichts deutet auf eine Stromversorgung hin. Draußen bewegen sich Llamaherden direkt vor unserer Unterkunft, lassen sich aber ungern Photographieren. Vor uns liegt eine karge und eigentümliche Vulkanlandschaft, Felsen, Sandböden und schneebedeckte Gipfel wechseln sich ab, hin und wieder abgelöst durch grüne Fleckchen wo doch tatsächlich Kartoffeln und Getreide angebaut werden. In dem Stil geht es auch am nächsten Tag weiter, wir durchqueren fast verlassene Dörfer, verfallene Schulen und die interessantesten Landschaften, die man sich nur vorstellen kann. Da macht es auch nichts, das sich mein Durchfall zurückmeldet. Nifurat beseitigt die gröbsten Beschwerden, und die Landschaft lässt alle anderen Nöte vergessen. Rauchende Vulkane wie der über 5800 Meter hohe Ollague säumen den Horizont, Lagunen in allen erdenkliche Farben, rot, grün oder türkis, dazu die bizzarsten Felsgebilde (teilweise mit Bouldermöglichkeiten), und eine von Flechten über kleinere Kakteenarten erstaunlich vielfältige Vegetation. Ob die wenigen Bewohner die eigentümliche Schönheit dieser an sich äußerst lebensfeindlichen Landschaft wohl ähnlich wahrnehmen? Highlights sind die Laguna Verde mit der ebenmäßigen fast 6000 Meter hohen Pyramide des Lincancabur im Hintergrund, und ein nahegelegenes „Thermalbad“, eine heiße Quelle mit Bademöglichkeit. Leider ist heute der Wechsel der Laguna von grün zu rot nicht zusehen, dafür steuern wir aber noch zwei rote Lagunen an, jeweils mit großen Flamingoaufkommen. Laguna Colorada heißt die bekannteste, in deren Nähe liegt auch unser Übernachtungslager. Ein kleiner Hof mit Gruppenschlafraum inmitten dieser Steinwüste mit unbezahlbarem Blick auf Lagunen und Vulkane. Leider nicht allzu lange, denn bald wird es dunkel und sehr kalt. Wir übernachten schließlich auf über 4000 Metern Höhe. Unendlich klar ist hier die Luft, natürlich auch Nachts, wohl noch nie habe ich so einen intensiven Sternenhimmel erlebt, mit dem Kreuz des Südens als krönenden Höhepunkt. Für den nächsten Tag steht dann als erstes der Sol de Manana auf dem Programm, ein Geysir aus kochenden Lavaschlammlöchern bestehend. Diese sind nur am frühen Morgen aktiv und blasen eine ca. 10 Meter hohe Dampfwolke in die noch eiskalte Luft. Gelbliche Schwefeldämpfe mischen sich dazwischen, brodelnde Löcher und wenig fester Untergrund überall, welch ein Schauspiel. Danach passieren wir eigenartige, kalkgraue Felsgebilde, dessen interessantestes ungefähr die Form eines Pilzes hat. Die langohrigen Chinchillas leben hier und haben ebensoviel Spaß in den Felsen herumzuklettern wie wir. Weitere landschaftliche Kuriositäten und noch mehr Flamingos begleiten uns, oder zumindest unsere Augen auf dem Weg zurück nach Uyuni.
Potosi
Bunt und für bolivianische Verhältnisse erstaunlich modern wirkt die Stadt, sie ist immer noch eine der wohlhabendsten des Landes. 162.500 Einwohner leben in dieser schmucken Stadt, von zahlreichen prunkvollen Kolonialbauten durchzogen. Doch nicht darin liegt die Hauptattraktion von Potosi, hinter den Häusern baut sich ein orangefarbener, mit vielfarbigen anderen Gesteinsformationen durchzogener Bergkegel auf, der Cerro Rico. Sumaj Orcko, also heiliger Berg, heißt das Wahrzeichen der Stadt auf Quechua und war einer von zahlreichen Berggottheiten der Inkas. Reicher Berg lautet die Übersetzung aus dem Spanischen und deutet an, warum dieser Berg so besonders ist. Das „reich“ steht für den außerordentlichen Mineralienreichtum des 4829 Meter hohen Giganten, vor allem Silber wurde hier in großen Mengen zu Tage gefördert, und hat großen Reichtum, aber auch viel Elend in die Region gebracht. Im April 1545 entdeckte Diego Huallpa als erster das Silber im Berg. Damals wohnte ein Häufchen von 170 Spaniern und 300 Indigena am Fuße des Berges, Villaroel nahm den Berg dann im Namen seiner Majestät Carlos 5 in spanischen Besitz. Durch die Silbergewinnung wurde Potosi zu schnellstwachsenden Stadt Amerikas, die Ausbeutung des Berges wurde unverzüglich in großem Umfang vorrangetrieben. Ein Schicksal das er mit den Indios teilte. Ganze Dorfschaften von Hochlandbewohnern wurden in die zahlreichen Bergstollen abkommandiert um sich dort im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu arbeiten. Die Mita, ein System der Kollektivarbeit wurde von den Inka übernommen, alle Indianer zwischen 18 und 50 waren dazu verpflichtet, älter wurde sowieso kaum jemand. Um lange Auf-und Abstiege zu vermeiden blieben die Zwangsarbeiter oft eine Woche und länger in den Schächten, Silikose, eine tödliche Lungenkrankheit war die fast unausweichliche Folge, daran starben 7 von 10 Arbeitern. 1573 zählte Potosi schon 120.000 Einwohner, 1650 schon 160.000, mehr als beispielsweise Rom, Madrid oder Paris und war damit die größte Stadt des amerikanischen Doppelkontinentes. Der Sage nach waren sogar die Straßen mit Silber gepflastert, es hieß man könne damit eine Brücke bis nach Madrid bauen. Spaniens leere Kassen wurden immer weiter mit Silber aufgefüllt, bis 1660 wurden aus dem Berg 16.000 Tonnen herausgeholt, bis heute über 46.000 Tonnen. Doch irgendwann ist auch der größte Silberstrom versiegt und im 18. Jahrhundert kam dann der Absturz Potosis in die Bedeutungslosigkeit, die Silbervorräte waren so gut wie erschöpft und die Einwohnerzahl sank unter 10.000. Doch auch Zinnerz wurde in großem Maße im Berg gefunden. Zu Silberzeiten noch wertlos, brachte dieses 1913 sog. Zinnbaronen wie Simon Patino, dem deutschstämmigen Mauricio Hochschild oder Carlos Aramayo gewaltige Reichtümer. Ewig hielt auch der Zinnvorrat nicht an und so wurden 1952 die Zinnminen verstaatlicht und 1985 muste die staatliche Gesellschaft Cominbol 20.000 Zinnarbeiter entlassen. Heute wird der Berg immer noch zur Ader gelassen, obwohl es kaum noch Adern gibt, dafür aber umso mehr Gänge, welche ihn durchziehen wie das Straßennetz von La Paz. Sowohl die Comibol, als auch private Mineros und Bergbaukooperativen wühlen immer noch im Berg herum, allerdings wird er jetzt stückweise gesprengt. Erst viele Tonnen Gestein ergeben einige Kilogramm Erz, man kann Frauen beobachten, die mit dem Hammer Gesteinsbrocken zertrümmern um an die Zinnkörner zu gelangen. Natürlich haben auch wir die Minen im Programm, man kann einfach per Taxi hinfahren und vor Ort lässt die nächste Führung nicht lange auf sich warten. Cocablätter als Geschenk für die Mineros kaufen fast alle Besucher, um für etwas Abwechslung zu sorgen bringe ich eine Flasche Schnaps mit. „Sie werden dich lieben“, meint unser Führer zu mir, aber das ist arg unwahrscheinlich. Schon passieren wir die ersten Mineros und die Abneigung welche ihre Blicke und auch Gebärden ausdrücken, habe ich bisher in Südamerika noch nicht erlebt. Auch einige Flüche gegen uns meine ich im Hintergrund zu vernehmen. Wer kann es diesen Menschen verdenken, kommen wir doch als reiche Weiße, die sie sensationslüstern bei der Arbeit beobachten. Sehr jung sind einige der hier beteiligten, viele Kinder laufen umher und bieten kleine Mineralien zum Verkauf an. Eng und stickig sind die Gänge, dazu nicht beleuchtet und mit zahlreichen Felsen durchsetzt. Eben ist das Gelände natürlich auch nicht, sodass deren bloße Begehung in über 4000 Metern Höhe bereits einige Mühe verursacht. Die Vorstellung in dieser Umgebung 10-12 Stunden Schwerstarbeit pro Tag leisten zu müssen, wirkt alles andere als verlockend, vor allem mit einer Entlohnung von durchschnittlich 100 Dollar im Monat. Allein von der staubigen Luft wird mir schlecht, während die Mineros Schubkarren durch die mangelhaft gesicherten Stollen schieben. Allzu deutlich hat sich ihre Situation nicht geändert, seit 1545 die ersten Indios gezwungen wurden in den Stollen zu arbeiten. Damit sie die Höhe und Erschöpfung weniger realisieren, wurde kurzerhand das gerade erlassene Kokaverbot wieder aufgehoben und die Zwangsarbeiter in den Minen zweckgebunden damit versorgt. Dafür lenkte sogar die katholische Kirche ein, welche sich vorher massiv gegen das angeblich halluzinogene Teufelszeug eingesetzt hatte. Viele Mineros wurden sogar gezwungen in den Minen zu übernachten, um sie am Fliehen zu hindern. Unter unmenschlichen Bedingungen mussten sie so lange Silber hacken bis sie verunglückten oder an Erschöpfung starben. Dann wurden sie einfach durch neue Indigena ersetzt. So sollen laut realistischen Schätzungen (u.a. Eduardo Galeano) bis zu 8 Millionen Indigena in den Minen den Tod gefunden haben, und den dürften sie noch als Erlösung empfunden haben nach ihren vorherigen Lebensumständen. Als „Eingang der Hölle“ bezeichneten die Mineros den Stollenanfang, einer Hölle der sie nie wieder entrinnen konnten. Auch heute noch nicht, obwohl sie mittlerweile freiwillig hier arbeiten,lässt ihre wirtschaftliche Situation keine andere Entscheidung zu, vor allem nicht wenn es eine vielköpfige Familie zu ernähren gilt. Ob diese Art der Absicherung durch die Großfamilie in so armen Regionen der optimale Weg ist, mag dahingestellt sein, ist doch für die Nachkommenschaft das gleiche Leben fast unabwendbar vorbestimmt. Leider hat die Stimme der Schwerstverbrecher der katholischen Kirche immer noch genug Gewicht um ihr Kondomverbot zu verbreiten, obwohl sich ihr Einfluss auch hier mehr und mehr verringert. Diese Tradition der hohen Kinderzahl zu überwinden könnte eine Chance sein, einen Schritt aus der Armut heraus zu machen. Ohne den Minenjob wären aber etliche 1000 Bolivianer unmittelbar dem Tod durch Verhungern ausgesetzt, denn staatliche Unterstützung für Erwerbslose gibt es hier nicht, nur noch Betteln bleibe als Alternative übrig. Diese Situation macht es möglich Arbeiter zu allerniedrigsten Löhnen zu beschäftigen, Armut kennt keine Alternativen. !4 jährige sieht man Steine klopfen und transportieren, mit bis zu 14 Kilo auf dem Rücken, dabei liegt der Tagesverdienst oft nicht höher als ein Euro. Wer so früh schon den Grossteil seines Lebens in den Minen verbracht hat, hat keine allzu hohe Lebenserwartung, die Gifte sammeln sich über Jahre im Körper an und bewirken, das die durchschnittliche Lebenserwartung Boliviens von 63 Jahren bei den Mineros noch deutlich unterschritten wird. Viel ihrer Lehmziegelhütten sind direkt am Hang des Berges angesiedelt, beherrscht von einer überdimensionalen Christusfigur, welche über dieses Schreckensszenario schützend die Arme ausbreitet. Diese typisch katholische Heuchelei muss den Arbeitern wie eine gewaltige Provokation vorgekommen sein, aber auch ihr eigener Indigenagott ist präsent. El Tio (der Onkel) ist eine kleine Tonfigur mit einem kleinen Thron im Innern des Stollens. Eine Kippe ziert seinen Mund, während die ganze Figur mit Lametta und Cocablättern bedeckt ist und einen leicht überdimensionalen Penis sein Eigen nennt. Vielleicht ein Fruchtbarkeitssymbol, ähnlich wie Pachamama die Erdenmutter wird auch er reichlich mit dem mitgebrachten Whisky gesegnet. Ob sie das wohl auch machen, wenn sie den Whisky selber bezahlen müssen ? Auf jeden Fall ist er die Antwort der Andengötter auf den christlichen Monotheismus, muss sich wohl auch deshalb in den Untergrund flüchten. In den Schutz eines völlig durchbohrten und durchlöcherten Berges fristet er ein recht bescheidenes Dasein, das hat er mit dem Cerro gemeinsam, beide haben klar bessere Zeiten hinter sich. Immerhin ist der Cerro Rico kürzlich zum Weltkulturerbe erklärt worden, pünktlich zur 500 Jahrfeier der „Begegnung der Kulturen“ , der Ausdruck wirkt wie ein Hohn auf alle Angehörigen dieser zerstörten Kulturen. Für sie ist diese Begegnung alles andere als ein Grund zu feiern, sondern der Ursprung allen Übels und das faktische Ende der Entwicklung ihrer Kultur. Nur mehr Rudimente konnten aufrecht erhalten werden, welche die Eroberer aufgrund von Faulheit oder Gewissensberuhigung fortleben ließen. In unserer heutigen angeblich aufgeklärten und humanistischen Zeit ist diese Art von unfreiwilligem Spott nicht nur geschmacklos sondern auch extrem peinlich. Sie zeugt entweder von heuchlerischster Arroganz oder aber himmelschreiender Dummheit und Unkenntnis der Geschichte, beides ist den verantwortlichen Politikern ohne weiteres zuzutrauen. Während man das Wort Nazi als Deutscher praktisch nicht in den Mund nehmen darf, wird eine Verbrechensserie von ähnlichem Ausmaß mit Konsequenzen bis in die Gegenwart, als Großes Ereignis oder gar Heldentat gefeiert. Ich glaube da erübrigt sich jeder Kommentar. Nach der Minenbesichtigung möchte ich noch eine Wanderung auf den Gipfel des Cerro Rico unternehmen und verabschiede mich von den Anderen, die mit dem Sammeltaxi weiter nach Sucre fahren. Im Hotel wollen wir uns aber noch mal treffen. Doch erst mal mache ich mich über staubige Fahrwege auf in Richtung Christusstatur auf. Ganz wohl war mir nicht, allein in dieser Umgebung, denn ignorieren kann ich sie nicht die feindseeligen Blicke, die mir von vielen Seiten entgegenschlagen. Auch Zurufe der Arbeiter, welche auf den Ladeflächen der Lastwagen sitzen wirken nicht immer freundlich. Aber meine Sorgen sind unbegründet, jeder ist wohl zuerst einmal mit sich selbst beschäftigt. Mühsam schleppe ich mich über die nicht allzu steilen Wege höher, wieder merke ich die Höhe viel mehr als das eigentlich normal wäre, vielleicht hat mir der Aufenthalt in den Schächten nicht gut getan. Trotzdem komme ich auf den deutlichen Wegen gut voran und über am Schluss steilen und weglosen Schutt erreiche ich dann viel zu erschöpft den Gipfel. Der oberste Teil ist nicht mehr befahrbar, wenigstens hier hat der Berg Ruhe vor den Ameisenströmen, welche ihn unentwegt bevölkern. Dachte ich zumindest, aber direkt am Gipfel befindet sich eine Holzhütte mit Solaranlage auf dem Dach. Vom Bewohner aber leider keine Spur, dafür gibt es hier viele verschiedenfarbige Gesteinsarten und phantastische Ausblicke auf das gesamte umliegende Land. Vor allem der Blick nach Osten hat es mir angetan, mehrere schöne Seeaugen sind dort zu finden mit durchaus interessanten Bergzielen darüber. Ich beschließe noch einen Tag in Potosi zu bleiben, um dort eine Wanderung zu unternehmen. Beim Abstieg bekomme ich schon freundlichere Antworten auf mein freundliches Grüßen. Den Arbeitern scheint es eher suspekt zu wirken, das ein Gringo einfach aus Spaß ihren Berg erwandert.
Literatur: Wilken, Thomas: Gesichter der Inkaländer, Hamburg 2005 ISBN: 3-86516-358-0
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Der (momentan einzige) Webling zum sebra-verlag ist hauptsächlich Werbung für einen Reiseführer in Buchform. Bis wir Bolivien in Wikitravel ordentlich aufgebaut haben schlage ich trotzdem vor, ihn zu lassen. --Flip666 23:19, 3. Jan. 2007 (CET)

